Fakten aus Göteborg / Schweden

Mit ca 500 000 Einwohner.innen ist die Hafenstadt Göteborg die zweitgrößte Stadt in Schweden. Wegen der naturräumlichen Gegebenheiten sind die Wege weit, und es gibt einen hohen Anteil an Pendlerverkehr.

Erste Maßnahme zur Verkehrsberuhigung wurden schon 1978 ergriffen. Trotzdem gehörte Göteborg Mitte der 80er-Jahre mit über 650 Schwerverletzten bzw Getöteten zu den schwedischen Städten mit den meisten Verkehrsunfällen. 1992 wurde ein Verkehrssicherheitsprogramm für Geschwindigkeitsreduzierungen und Verkehrsberuhigung in großem Umfang verabschiedet, mit dem Ziel, Göteborg innerhalb eines Jahrzehnts zu einer der sichersten Kommunen Schwedens zu machen. Das wurde auf beeindruckende Weise erreicht: Im Jahr 2007 wurden mit 300 Betroffenen 60 Prozent weniger Personen schwer verletzt oder getötet.

Entsprechend der „Vision Zero“ wird das Verkehrssicherheitsprogramm seitdem regelmäßig fortgeschrieben. Das nächste Zwischenziel bis 2020 lautet: 75 oder weniger Schwerverletzte oder Getötete – trotz steigender Zahlen von Menschen auf den Straßen. Dabei wird die Geschwindigkeit als „zentralster Faktor für die Verkehrssicherheit“ eingestuft. (Göteborg 2009).

Etwa 150 km des Göteborger Straßennetzes sind verkehrsberuhigt. (Stand 2004). Auch Hauptverkehrsstraßen gehören zum Netz des „Tempo-30-Milieus“.

Maßnahmen; Ergebnisse: Geschwindigkeitsänderungen, Verkehrsverhalten, Sicherheit, Lärm, Akzeptanz; Wissenschaftliche Untersuchungen: , Hier verwendete Literatur

Maßnahmen

Maßnahmen

Göteborg hat mit Maßnahmen experimentiert und dabei eine Kultur der detaillierten Beobachtung, Diskussion und gemeinsamen Weiterentwicklung etabliert, wie auch eine große Auswahl maßgeschneiderter Instrumente.

Signalisation

Eine gesetzlich bindende 30-km/h-Beschilderung im gewünschten Umfang war in den ersten Jahren nicht ohne weiteres möglich. Man fand aber einen Trick und einen Sponsor für attraktive Schilder mit Empfehlungscharakter im individuellen Design. Diese gibt es noch heute in großer Zahl.

Der Effekt der Schilder ist der selbe wie bei Standardschildern, auch wegen der baulichen Begleitmaßnahmen: man fährt langsamer, obwohl theoretisch Tempo 50 erlaubt wäre. Bis heute wird in Göteborg nicht von Tempo-30-Zonen gesprochen, sondern vom „Tempo-30-Milieu“. Neun Straßen wurden zwischenzeitlich aber mit standardisierten Tempo-30-Beschilderungen ausgestattet.

Milieu-30-Schilder_email-Größe

Baumaßnahmen:

Hunderte von Straßen wurden mehr oder weniger systematisch mit Maßnahmen versehen, hauptsächlich in den Jahren 1997 und danach. Dabei wurde auch mit unterschiedlich langen Schrägen und Erhöhungen experimentiert. Bis 2005 wurden fast 3000 Einzelmaßnahmen umgesetzt.

Der Ortsteil Bräcke wurde als Pilotprojekt von 1997 bis 1999 komplett verkehrsberuhigt, mit 30km/h-Schildern und Baumaßnahmen, sowohl auf den Neben – als auch den Hauptstraßen. Das Gebiet umfasst einen Quadratkilometer mit 5000 Anwohnenden.

Weitere Maßnahmen

 Monitoring: Mit der Fragestellung: „Was können wir tun, damit solch ein Unfall nie mehr passiert?“ hat Göteborg ein System entwickelt, um Unfälle intensiv zu analysieren. Dabei spielen neben den Polizeistatistiken vor allem die Daten der Krankenhäuser eine wichtige Rolle.

Alle 14 Tage gibt es zudem Treffen der Stadt-Verantwortlichen mit der Ambulanz und Feuerwehr, um sie bei Planungen und Evaluationen zu beteiligen

 Trennung von Infrastrukturen für verschiedene Verkehrsarten, zum Beispiel durch erhöhte Fuß- und Fahrradwege. Zielvorgabe: „Die Straßen sind so gestaltet, dass Kinder und Jugendliche frei und ohne Aufsicht unterwegs sein können.“ Fußwege in der Stadt wurden verbreitert. Im Stadtteil Bräcke wurde außerdem eine Umgehungsstraße gebaut.

Öffentlicher Verkehr: Zielvorgabe: „Ältere Leute können den ÖV nutzen.“ Umbau von Bushaltestellen zur komfortablen Benutzung; Trennungszäune, Signalisierung etc;

Verkehrserziehung: intensive Zusammenarbeit mit Schulen

Ergebnisse

Geschwindigkeitsänderungen

Geschwindigkeitsänderungen

Da verschiedene Varianten für bauliche Maßnahmen erprobt wurden, konzentrierten sich auch die Untersuchungen auf den Zusammenhang von Tempoveränderungen und den Baumaßnahmen. Festgestellt wurde dabei, dass die V85-Geschwindigkeiten bei einem Schwellentyp auf bis zu 27 km/h sanken. Bei Umbauten an Bushaltestellen sanken sie auf bis zu 22 km/h.

Geschwindigkeiten und bauliche Maßnahmen

Einhaltung von Tempo 30 an neun Straßen ohne Zusatzmaßnahmen

Neun Straßen, die nur mit den nationalen Standard-Schildern für Tempo 30 beschildert wurden (ohne weitere Maßnahmen), zeigen eine vergleichsweise geringe Einhaltung, wobei die Behörden aber darauf hinweisen, dass auch die üblichen Tempo-50-Straßen nur wenig respektiert werden.

Göteborg 9 Straßen Einhaltung-001

Einhaltung von Tempo 30 bei verschiedenen Beschilderungen
E
ine Feldstudie im „Slottdamm“-Viertel des Stadtteils Tolered zeigte, dass Tempo-30-Schilder im Eingangsbereich alleine bereits eine Senkung bewirken können, die auf größeren Straßen noch etwas deutlicher ist als auf den kleinen. Wiederholungsschilder bringen zusätzliche Wirkungen auf größeren Straßen.

Geschwindigkeitsänderungen in Tolered
Verkehrsverhalten

Verkehrsverhalten

Das Verhalten der Verkehrsteilnehmenden untereinander hat sich geändert. „Die Zahl der Interaktionen zwischen Kfz-Lenkenden und Zu-Fuß-Gehenden ist nach der Einführung von Tempo 30 gestiegen. Es gibt Anzeichen, dass von mehr Kfz als vorher den Zu-Fuß-Gehenden Vortritt gewährt wird, und diese ihrerseits wirken selbstbewusster.“ Dies wurde im Rahmen des Feldversuchs in Tolered festgestellt.

Einen größeren Anteil von Menschen, die aktiv mobil wurden, stellte man in Bräcke fest: Etwa 30% der Menschen, die dort leben, sind nach eigenen Angaben seit der Verkehrsberuhigung häufiger zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. Das wurde sowohl mit der neuen Umgehungsstraße als auch mit dem geringeren Tempo auf der Hauptverkehrsstraße „Bräckevägen“ und den Wohnstraßen begründet.

Der Anteil des Fuß- und Fahrradverkehrs in Göteborgs „30-km/h-Milieu“ insgesamt ist deutlich gestiegen:

– Von 1998 bis 2002 einschließlich verdoppelten sich im „30-km/h-Milieu“ die Anteile des Fuß- und Radverkehrs von 8 auf ca 16%, wie Untersuchungen zum Queren der Straßen zeigen: Die Straßenquerungen im „Tempo-30-Milieu“ nehmen damit schneller zu als etwa an Ampelkreuzungen.

– Im Radverkehr gab es eine Zunahme von ca 17% auf 31% Anteil am Verkehrsaufkommen im „Tempo-30-Milieu“, das ist ein dynamischerer Anteilszuwachs als auf Göteborgs Radwegen.

Verkehrsverhalten-001
Sicherheit

Sicherheit

Seit dem Beginn der 90er-Jahre, als 600 Menschen pro Jahr im Straßenverkehr Göteborgs schwer verletzt oder getötet wurden, ist diese Zahl kontinuierlich gesunken. 2008 wurden noch 300 Unfallopfer gezählt. Dies weist die Stadt als eine der sichersten in Schweden aus. Das Sicherheitsprogramm wird regelmäßig fortgeschrieben, im Geiste der „Vision Zero“. Die Geschwindigkeit wird dabei im Göteborger Verkehrskonzept als „zentralster Faktor der Verkehrssicherheit“ eingestuft. Evaluationen bestätigen, dass 75% der Fortschritte den Temporeduzierungen zugeschrieben werden können, zusammen mit der Verlagerung des Verkehrs auf die großen Verbindungsstraßen, was wiederum durch die Impulse aus den Verkehrsberuhigungen maßgeblich unterstützt wurde.

Göteborg development of Traffic calming and killed people 1979 - 2005

Unfälle bei verschiedenen Tempolimits

Die meisten Unfälle mit Todesopfern geschehen in der Gesamtkommune Göteborg auf den Tempo-50-Straßen. Dagegen gab es auf den Straßen mit Tempo 30 während sieben Jahren keine Toten.

Tempolimits und Verkehrstote-001

Unfallzahlen an 4 Hauptstraßen-001

Pilotversuch im Stadtteil Bräcke

Die Ergebnisse aus dem ersten Pilotversuch zeigten schon kurz nach dem Beginn positive Resultate. Diese verstärkten sich mit zunehmender Dauer der Maßnahmen auf Null Tote bzw Schwerverletzte.

Bräcke-001
Lärm

Lärm

Mit dem Beginn der 2000er Jahre machten sich neben der gestiegenen Sicherheit auch weitere Effekte bemerkbar, nämlich die Abnahme von Lärm und Luftschadstoffen.

Langzeitbeobachtungen an einer Reihe von Straßen zeigen sinkende Mittelungspegel von bis zu –9,2 dB(A). Die Entschleunigung spielt dabei eine Hauptrolle, direkt und auch indirekt, indem nämlich viele Kfz aus den verkehrsberuhigten Straßen heraus und auf die großen Verbindungsstraßen verlagert werden.

Göteborg Lärmentwicklung
Akzeptanz

Akzeptanz

Pilotprojekt in Bräcke

Eine erste Befragung fand im Stadtteil Bräcke statt. Etwa 75% der Befragten beurteilte die Situation nach der Einführung der Beschilderungen und baulichen Maßnahmen positiv ( 49% „besser als vorher“, 26% „viel besser als vorher“). Die Mehrheit beurteilte die bisherigen Maßnahmen als gut investiertes Geld. Etwa 7% fand die Situation mit den Maßnahmen schlechter als ohne.

Feldversuch in Tolered

Die Anwohnenden halten Tempo 30 für die richtige Höchstgeschwindigkeit im Viertel, wie ca 80% bei der ersten Befragung sagten. Drei Monate später waren sogar 94% dieser Meinung.

Auch die zusätzliche Beschilderung mit Wiederholer-Schildern wurde positiv gesehen. 89% fanden dies gut oder sehr gut. 79% fanden, dass dies ausgeweitet und auch woanders eingeführt werden sollte.

Wissenschaftliche Untersuchungen

Methodik

Methodik

 Pilotprojekt in Bräcke 2000 – 2002:

– vergleichende Auswertungen der städtischen und staatlichen Unfallstatistiken; a) für einige Monate vor und nach der Einführung der Verkehrsberuhigungsmaßnahmen im gesamten Ortsteil; b) für die Dreijahreszeitraums 1993-1996 (vor der Einführung) mit 2000-2002 (nach der Einführung) an drei Hauptstraßen;

– schriftliche Befragung der Anwohnenden: Etwa 1000 Personen (70%) nahmen daran teil

Feldstudie in Tolered 2003:

Begleitende Feldstudie zur Einführung von Tempo 30 im „Slottdamm“-Viertel des Stadtteils Tolered.

– Geschwindigkeitsmessungen, bei denen die Geschwindigkeiten vor der Ausweisung von Tempo 30 mit dem Zeitraum nach der Beschilderung und dem Zeitraum nach dem Aufstellen zusätzlicher Wiederholer-Schilder festgestellt und verglichen wurde.

– Email-Umfragen und Interviews mit Anwohnenden.

Unfallzahlen und Unfallanalysen (kontinuierlich):

Auswertung städtischer und staatllicher Statistiken. Zusätzlich zu den polizeilich gemeldeten Unfällen wurden auch Daten aus Krankenhäusern genutzt sowie Unfallursachen individuell analysiert. Seit 2000 wurden über 13.000 Unglücksfälle, die in den Krankenhäusern registriert wurden, individuell analysiert.

Hier verwendete Literatur

Hier verwendete Literatur

Göteborg 2004

Thulin, H; Nilsson,G:/ VTI: Trafiksäkerhetsutveckling i Göteborg VTI 530, 2004

Göteborg 2004 / Trivector

Linderholm, L /Trivector Traffic: Effekter av upprepad 30-skyltning, rapport 2004-56, Lund 2004

 

Göteborg 2007

City of Göteborg: Swedish Assciation of Local Authorities and Regions: Calm, safe and secure in Göteborg, Stockholm 2007

 

Göteborg 2009

Göteborgs Trafikkontoret: Historik, Kunskap och Analys for Trafiksäkerhetsprogram 2010 – 2020, Göteborg 2009

 

göteborg bräcke straße

Verkehrsberuhigte Straße in Bräcke / Göteborg                                      Foto: H.Aghte/EUGENT

 

Die Kampagne “Trendsetter für 30 km/h” wird unterstützt von der Dr. Joachim und Hanna Schmidt-Stiftung

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