Fakten aus Edinburgh / United Kingdom

20-Meilen-Tempolimits auf allen Wohnstraßen plus jenen Straßen mit viel Fußgängerverkehr sind Schlüsselelemente in der Verkehrsstrategie der schottischen Hauptstadt Edinburgh (mit 293.000 Einwohner.innen). In ihrem „Aktionsplan für aktive Mobilität“ und der „Verkehrssicherheitsstrategie bis 2020“ hat die Stadt ihre Pläne konkretisiert. Man geht dabei von der Annahme aus, dass bei niedrigeren Geschwindigkeiten mehr Menschen zu Fuß gehen und radeln, die öffentlichen Räume belebt werden und die Unfallzahlen sinken.

Seit mehreren Jahren wird Tempo 20 mph (32 km/h) sukzessive Umfang eingeführt, und Ende Juli 2016 werden 80 Prozent der Straßen mit 20mph als Tempolimit erreicht sein. Kompelmentär dazu gibt es ein durchdachtes Netz mit Hauptdurchgangsstraßen, auf denen 30 oder 4 Meilen gefahren werden können.

Untersuchungen und Konsultation im Vorfeld haben die Basis für die umfassenden Maßnahmen geschaffen. Besonderer Wert wurde dabei auf die Veränderungen des Zusammenlebens und des Miteinanders gelegt. 1999 wurde im Edinburgher Gracemount-Viertel dazu eine erste Studie durchgeführt, die auch Verkehrsberuhigungsmaßnahmen insgesamt umfasst.
2012 wurde ein weiterer Versuch auf etwa 40 km der Straßen in South Central Edinburgh unternommen. Die begleitenden Studien zeigen, dass die Bereitschaft, aktiv unterwegs zu sein, also z.B. zu Fuß zu gehen und das Fahrrad zu benutzen, eng mit niedrigeren Geschwindigkeiten zusammenhängt. Das Resumée der Studie lautet: Ein 20-Meilen-Tempolimit bietet „die Zutaten, um lebenswerte Straßen zu schaffen und zu einem dauerhaften Verhaltenswechsel mit mehr aktiver Mobilität zu ermutigen“. (Edinburgh Council 2013).

Nach weiteren Diskussionen und Konsultationen beschloss der Stadtrat im Januar 2015 eine große Lösung, mit der Tempo 20 Meilen quasi zur Normalität wird: 20-Meilen-Limits sowohl auf den Wohnstraßen als auch den Einkaufsstraßen in der ganzen Stadt, außerdem soll in der kompletten Innenstadt Tempo 20 mph gelten. Komplettierend wird ein Netz von Hauptdurchgangsstraßen mit 30- und 40-Meilen-Tempolimits ausgewiesen. Ende Juli 2016 werden die , nämlich 80 Prozent 20mph-Straßen, gefeiert.

 

Maßnahmen; Ergebnisse: Geschwindigkeitsänderungen, Mobilitätsverhalten, Sicherheit, Akzeptanz; Begleitende Untersuchungen: Methodik, Hier verwendete Literatur

Bild Edinburgh s Kampagne
Maßnahmen

Maßnahmen

Pilotprojekt Gracemount: Bauliche Elemente: Schwellen und Aufpflasterungen zur Geschwindigkeitssenkung

 

Versuch South Central: Versuch ohne bauliche Maßnahmen

  • – Beschilderungen und Straßenmarkierungen
  • – Hohe visuelle Präsenz von Polizisten auf den Straßen, punktuelle Geschwindigkeitskontrollen,
  • – Persönliche Anschreiben („Community Speed Concern letters“) an alle Kfz-Lenkenden, die 5 Meilen oder mehr zu schnell fahren;
  • – Vorherige umfangreiche Erhebung der Einstellungen bei den Anwohnenden, vergleichend dazu erneute Befragung nach der Umsetzung der 20-Meilen-Maßnahmen

 

Ausweitung von Tempo 20 mph auf das Stadtgebiet:

Es wird angestrebt, auf weitere Verkehrsberuhigungsmaßnahmen zu verzichten.
Für den Fall, dass auf einzelnen Streckenabschnitte viele Übertretungen des Tempolimits auftreten, sind dort Dialog-Displays vorgesehen, die an Tempo 20 Meilen erinnern.
Nur wo 20 Meilen dauerhaft nicht respektiert werden, sollen weitere Maßnahmen ergriffen werden, mit Aufpflasterungen in Wohnstraßen, Fahrbahnverengungen durch markierte Radwege und Verkehrsinseln auf größeren Straßen. (Edinburgh Council FAQ 2015)

 

Öffentlichkeitsbeteiligung für die umfassende Umsetzung von 20 mph in Edinburgh

2012: Umfrage
2012/2013: Pilotprojekt in der südlichen Innenstadt
2014 Verabschiedung einer lokalen Verkehrsstrategie, Feedback wird für Planungen zu einem 20-mph-Straßennetzwerk genutzt
2014 Treffen des Transportforums (im Verkehrs- und Umweltkomittee des Stadtrats) mit Repräsentant.innen verschiedener Interessensgruppen; Festlegung der Kriterien für das 20-Meilen-Netzwerk
2014  (Juni): Verabschiedung des Entwurfs für das Netzwerk im Stadtrat, anschließende öffentliche Konsultation bis Oktober 2014 mit fast 3000 Rückmeldungen; Anpassungen im geplanten 20-Meilen-Netzwerk entsprechend der Konsultationsergebnisse
2015 Verabschiedung der endgültigen Version des 20-Meilen-Netzwerks
2016 Beginn der Umsetzung, Abschluss vermutlich 2018

 

Ergebnisse

Geschwindigkeitsänderungen

Geschwindigkeitsänderungen

 

Auf den Straßen, auf denen 20mph ausgewiesen wurde, sanken die Geschwindigkeiten im Mittel um 1,9 mph. Hohe Geschwindigkeiten nahmen aber überdurchschnittlich ab, und wo vorher im Mittel schneller als 24 mph gefahren worden war, sanken die mittleren Geschwindigkeiten um 3,3 mph, . also um 1,4 mph.

Sogar auf den Straßen des Viertels, auf denen 30 mph beibehalten worden war, sanken die durchschnittlichen Geschwindigkeiten leicht, obwohl dort keinerlei Maßnahmen ergriffen worden waren. Möglicherweise ist dies ein Hinweis darauf, dass die Maßnahmen mit Tempo 20 mph bei vielen zu echten Verhaltensänderungen geführt haben, die dann im ganzen Viertel beibehalten werden.

 

Details

South Central Durchschnittsgeschwindigkeiten
Mobilitätsverhalten

Mobilitätsverhalten

 

Gehen und Radeln

 

1999 Gracemount Pilotversuch
19 Prozent der Eltern geben an, dass sie als Folge der Verkehrsberuhigung ihren Kindern häufiger erlauben, draußen zu spielen.
26 Prozent der Eltern erlauben ihren Kindern häufiger Rad zu fahren.
Auch von den Erwachsenen selber gab eine deutliche Anzahl an, selber mehr zu radeln oder zu laufen.
(Edinburgh 1999)

2012 South Central Pilotversuch

Die Befragungen im Rahmen des Pilotversuchs ergaben tatsächliche Änderungen der Mobilitätsgewohnheiten:
Von den Anwohnenden in 20-Meilen-Straßen gaben nach der Einführung des niedrigeren Tempolimits 44% an, meistens zu Fuß unterwegs zu sein. Vorher waren es 38% gewesen.
Bei Anwohnenden der 30-Meilen Straßen des selben Stadtviertel gab es dagegen keine Änderungen, allerdings war der Anteil des Zu-Fuß-Gehens hier schon vorher hoch gewesen. (Edinburgh Council 2013, S.10)
In dem Jahr nach der Einführung von Tempo 20 mph nahm die Zahl der zu Fuß zurückgelegten Wege um 7% zu, die Wege mit dem Fahrrad stiegen um 5% und mit Öffentlichen Verkehr um 4%.
Die mit dem Auto gefahrenen Wege gingen dagegen um 3% zurück. (Edinburgh Council 2013, S.50)

 

Geänderte Mobilität von Kindern

 

1999 Pilotprojekt Gracemount
19 Prozent der Eltern geben an, dass sie als Folge der Verkehrsberuhigung ihren Kindern häufiger erlauben, draußen zu spielen bzw zu Fuß unterwegs zu sein.
26 Prozent der Eltern erlauben ihren Kindern häufiger Rad zu fahren.

2012 South Central Pilotstudie
Zusammengefasst kann man sagen, dass Kinder nach der Einführung des 20mph-Limits aktiver und selbständiger unterwegs sind, auf dem Schulweg ebenso wie in der Freizeit. Das zeigt sich in der eindrucksvollen Verdoppelung des Anteils der etwa 8-10-Jährigen Kindern, die unbeaufsichtigt draußen spielen dürfen (vorher 31%, nachher 66%).

 

Details

 

Verkehrsarten Anteilsänderungen

 

Geänderte Mobilität von Kindern

 Schulwege bei den Grundschulkindern

Bei den kleineren Grundschulkindern (ca 6 und 7 Jahre) hat das Zu-Fuß-Gehen (unter Aufsicht von Erwachsenen) stark zugenommen: von vorher 58% auf nachher 74%. Gleichzeitig hat das Auto als Transportmittel an Bedeutung verloren zur Schule: mit vorher 33% und nachher 23%.

Auch unter den etwas älteren Grundschulkindern (etwa 8 – 10 Jahre) laufen die meisten zur Schule, mit einem Anteil von 60% (vorher 66%). An zweiter Stelle folgt das Fahrrad, mit 22% gegenüber vorher nur 3%. Auf den dritten Platz gefallen ist das Auto, das vorher eine Anteil von 20% hatte, nachher aber nur noch 10%.
Besonders interessant ist die Altersgruppe der etwas älteren Grundschulkinder, weil sich hier in der Regel entscheidet, ob das Fahrrad selbständig und häufig genutzt wird oder nicht. Auch kann die Erlaubnis zum selbständigen Draußenspielen wichtige Entwicklungschancen beinhalten, sowohl für das soziale Lernen als auch für die körperliche Fitness. Die starke Zunahme derjenigen, die mit Tempo 20 mph draußen spielen dürfen, bedeuten daher große Fortschritte.
Sicherheit

Sicherheit

 

Nachweise aus dem Viertel des Pilotversuchs South Central Edinburgh belegen, dass es nach der Einführung von Tempo 20 mph und bis zum Januar 2014 20 Prozent weniger Unfallopfer gegeben hat. bei Unvon den Evidence from the South Edinburgh pilot area also points to a reduction in casualties (20% to January 2014). (Edinburgh Council FAQ 2015)

 

Subjektive Sicherheit

 

Insgesamt ist die Angst vor den gefahrenen Geschwindigkeiten durch das 20 mph-Tempolimit gesunken, wie die Ergebnisse der South-Central-Studie belegen. Dort sank der Anteil derer, die Angst vor den gefahrenen Geschwindigkeiten äußerten, von 32 auf 24 Prozent. Die positive Entwicklung strahlt auch auf die 30-Meilen-Straßen des Stadtteils aus, wo die dortigen Anwohnenden sich ebenfalls sicherer fühlen.

Die eigene Sicherheit beim Gehen und Radeln gehört nach wie vor zu den wichtigsten Problemen, jedoch ist das Niveau des Bedrohungsgefühls auch hier gesunken, vor allem für das Zu-Fuß-Gehen in der eigenen Umgebung. Allerdings ist ein Bedrohungsgefühl bei einer signifikanten Minderheit bestehen geblieben.

Die Sicherheit für Kinder wurde sowohl vorher als auch nachher als wichtigste Wirkung des 20mph-Tempolimits eingeschätzt. Mit der Einführung von Tempo 20mph stieg die Zahl der Kinder, die tatsächlich unbeaufsichtigt draußen spielen oder unterwegs sein durften, stark an (wobei die Zahl der Kinder, die unbeaufsichtigt draußen/auf dem Gehsteig spielen dürfen sich mehr als verdoppelt hat: Details s. unter „Mobilitätsverhalten“).

 

 

Details

Angst vor gefahrenen Geschwindigkeiten

 

Sicherheitsgefühl für aktive Mobilität

 

Sicherheitsgefühl in Bezug auf Kinder

 

Interessant ist, dass in der Nachher-Studie mehr Eltern Angst um die Sicherheit ihrer Kinder äußern. Neben den gefahren des Straßenverkehrs spielen dabei aber auch weitere Gründe eine Rolle: Bedenken: wegen gefährlicher unbekannter Personen, dem Zusammentreffen mit anderen Kinder ohne Aufsicht und der Luftverschmutzung des Straßenverkehrs.
Akzeptanz

Akzeptanz

Beide Pilotversuche, die in Edinburgh durchgeführt wurden, zeigen nach der Einführung der 20 mph-Tempolimits steigende Zustimmungsraten zu der Maßnahme. Die Zustimmung stieg auf bis zu 90 Prozent der Anwohnenden im Gracemount-Pilotversuch und auf 79 Prozent im South Central-Pilotversuch. Besonders signifikant war der Anstieg derjenigen, die 20 mph-Limits „stark unterstützen“ (plus 23 Prozent in South Central Edinburgh).

Gestiegen ist das Bewusstsein, dass 20 mph die Sicherheit für Radfahrende erhöhen. Auch die Aufmerksamkeit und Ängste in Bezug auf die Sicherheit von Kindern sind gestiegen, wobei seit der Einführung von 20 mph-limits deutlich mehr Kinder unbeaufsichtigt draußen spielen und unterwegs sein dürfen. (siehe dazu auch die Änderungen im Mobilitätsverhalten)

 

Details


1998 Pilotversuch Gracemount:
90% der Anwohnenden wollten die Verkehrsberuhigung beibehalten; 5% wollten sie wieder entfernt haben.

Die individuellen, persönlichen Interviews ergaben, dass die Zufriedenheit der Anwohnenden eher von vorherigen Informationen und Mitsprachemöglichkeiten abhängig ist als von den Maßnahmen selber. Auch wenn gegen Ende des Versuchs die Informationen zu festgestellten Wirkungen nach der Einführung fehlten, wurde dies negativ vermerkt. (Schottland 1999)

 

2012 South Central Pilotversuch:

Die Zustimmung zu 20mph als Tempolimit stieg von vorher 68 Prozent auf 79 Prozent nach der Umsetzung. Nur 4 Prozent der Befragten waren dagegen.

Der Anteil derjenigen, die 20 mph „stark unterstützen“, stieg von 14 Prozent der Befragten vor der Einführung auf 37 Prozent nach der Einführung. (Edinburgh Council 2013).

Nachdem 20mph eingeführt worden waren, stieg vor allem auf den belebten Straßen der Anteil derjenigen, die die gefahrenen Geschwindigkeiten „genau richtig“ fanden (vorher 50 Prozent, nachher 68 Prozent).

 

Unterstützung für 20 mph Tempolimit

 

Zeitgleich mit der Zustimmung zu 20mph stieg aber auch die kritische Betrachtungsweise. 20 mph wird als richtiger Weg akzeptiert, der alleine aber noch nicht die Lösung darstellt.

 

Wissenschaftliche Begleitung

Methodik

Methodik

 

1998: Gracemount-Pilotprojekt: Befragungen anhand persönlicher Interviews mit 150 Anwohnenden, im Juli 1998 (Schottland 1999)

 

2011/2012: South Central Pilotprojekt: Vergleichende Befragungen vor und nach der Einführung von 20 mph im Stadtteil des Pilotprojektes, durch persönliche Interviews zu Einstellungen und Mobilitätsgewohnheiten im ganzen Bezirk des Pilotprojekts. Es wurden jeweils 1015 Interviews geführt. 80 Prozent der Befragten wohnten direkt an den 20 mph-Straßen des Modellversuchs, 20 Prozent wohnten an nahegelegenen 30-mph-Straßen im selben Stadtteil;
– „Vorher-Umfrage“ im Dezember 2011/2012,
– vergleichende „Nachher-Umfrage“ im Februar/März 2013, ein Jahr nach der Umsetzung der Maßnahmen; dabei wurden die selber Fragen der Vorher-Umfrage wieder gestellt;   (Edinburgh Council 2013)

 

Geschwindigkeitsänderungen im South Central Pilotversuch: Vorher- und Nachher-Messungen auf 48 Straßen im gesamten Modellgebiet, davon 28 Straßen, auf denen nachher 20 mph galt, und 20 Straßen, auf denen weiterhin 30 Meilen galten.

Im Rahmen der Kommunikationen während des Versuchs gab es Hinweise von Anwohnenden auf überhöhte Geschwindigkeiten. An diesen Stellen wurde zusätzlich gemessen, außerdem wurden versuchsweise begleitende Maßnahmen ergriffen und wieder gemessen.

Ergänzend dazu wurden in den Befragungen die persönlichen Wahrnehmungen der Anwohnenden zu den Geschwindigkeitsänderungen abgefragt.
Hier verwendete Literatur

Hier verwendete Literatur

Edinburgh Committee 2013

Edinburgh Transport and Environment Committee: South Central Edinburgh 20 mph Limit Pilot Evaluation, Edinburgh 2013

 

Edinburgh Council 2013

City of Edinburgh Council: Before and After research into the implementation of 20 mph speed limits in South Edinburgh, Final Research Report, 2013

 

Edinburgh Council FAQ 2015

City of Edinburgh Council: 20 mph – Creating a better safer Edinburgh, Top Ten 20 mph FAQ, 2015

Schottland 1999

Ross Silcock Limited / Social Research Associates. The community impact of

traffic calming schemes; 1999 Research Findings / Summary

Schottland 2014

Transport Scotland: Good practice guide on 20 mph speed restrictions, 2014

 

 

Die Kampagne “Trendsetter für 30 km/h” wird unterstützt von der Dr. Joachim und Hanna Schmidt-Stiftung.

Logo detail

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.