Fakten aus Bristol / Großbritannien

2010 wurden in Bristol zwei Pilotversuche für 20 Meilen pro Stunde (mph) unternommen, mit den Zielen, das Zu-Fuß-Gehen und Radfahren gegenüber dem Autoverkehr zu fördern, die Sicherheit zu erhöhen und den öffentlichen Raum angenehmer und qualitätsvoller zu gestalten. Zahlreiche Bürgerbeschwerden wegen hoher Geschwindigkeiten hatten schon vorher die Verkehrsproblemen der Stadt gespiegelt.

Das Pilotprojekt umfasste die südliche und die östliche Innenstadt, mit etwa 500 Straßen und 30.000 Haushalten. Auch einige Hauptstraßen wurden auf Wunsch vieler Bürger.innen in den Versuch mit einbezogen.

Die Versuche begannen im Mai 2010 (Inner South) bzw Oktober 2010 (Inner East)

Das Gesamtergebnis zeigt, dass die Ausweisung von 20 Meilen mit Hilfe von Beschilderungen, aber ohne weitere Maßnahmen, zu einer kleinen aber wichtigen Reduktion der Kfz-Durchschnittsgeschwindigkeiten tagsüber geführt haben, außerdem zu einer Zunahme der Fußgänger- und Radlerzahlen vor allem an den Wochenenden, eine verstärkte Zustimmung von Seiten der Anwohnenden, bei gleichzeitigem Erhalt der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit des Busverkehrs.

Im Juli 2012 beschloss die Stadt daraufhin, Tempo 20 Meilen in ganz Bristol einzuführen, und zwar auf allen Straßen, mit Ausnahme der Schnellstraßen (40- und 50-Meilen Straßen sowie Schnellstraßen mit Mittelstreifen). Der Beschluss wurde in 6 Phasen umgesetzt, die bis September 2015 dauerten.

Maßnahmen; Ergebnisse: Geschwindigkeitsänderungen, Verkehrsverhalten, Sicherheit, Lärm, Akzeptanz; Wissenschaftliche Begleituntersuchungen: Methodik, Hier verwendete Literatur

Maßnahmen

Maßnahmen des Pilotversuchs

 

„Sign-only”-Prinzip

  • – keine baulichen Maßnahmen;
  • – Signalisierungen mit dem Ziel, einen Schilderwald zu vermeiden: innerhalb der Zonen eher kleine Schilder an Laternenpfählen, in Eingangszonengrößere „20 mph“-Schildern,
  • ebenfalls in den Eingangszonen: Markierungen mit großen „20“- Zeichen auf den Fahrbahnen,
  • zusätzlich: Markierungen auf Fahrbahnen an Straßenabschnitten, wo Schnellfahren wahrscheinlich sein dürfte;
  • zusätzlich: Blinkende 20-Schilder an den Hauptstraßenabschnitten, wo Schnellfahren wahrscheinlich sein könnte; diese wurden etwa alle 3 Monate an anderen Stellen angebracht;
  • Die Maßnahmen wurden mit dem Ziel umgesetzt, dass keine besonderen polizeilichen Kontrollen über das bereits übliche Maß hinaus notwendig sein sollten. (Bristol 2012)

Maßnahmen zur Beteiligung der Öffentlichkeit und zur Bewusstseinsbildung

  • Vor Beginn des Pilotprojektes:
    2009: Öffentlichkeitsbeteiligung während der Vorbereitungszeit; wobei vor allem Multiplikatoren angesprochen wurden: mit Flyern für lokale Koordinationsstellen für Administratives, Wirtschaft und Freizeit, Schulkollegien, Personal von Bibliotheken etc, ebenso wie die Nachbarbezirke; außerdem wurden Diskussionsforen auf Websites gestartet; Überarbeitung der ursprünglichen Planungen entsprechend der Resultate aus der ersten Konsultation
  • Begleitend zum Beginn des Pilotprojekts
    Sympathiekampagnen von mehreren Partnerorganisationen, mit Foldern, Plakaten, Anschreiben, Zeitungsartikeln
    Infoschreiben an Taxiunternehmen und professionelle Fahrer.innen;
  • Aktionswoche im November 2010 ( Woche der Straßenverkehrssicherheit)  (Bristol 2012)

Weitere Maßnahmen

  • Fördermaßnahmen für den Radverkehr (Infrastrukturen und Öffentlichkeitskampagnen),
  • Bewusstseinskampagnen und zahlreiche weitere Aktionen von lokalen Initiativen, so etwa „Kinder spielen auf der Straße“ (Straßensperrungen und bewusstseinsbildende Arbeit; „DIY-Street (Do-it-yourself-Street Umgestaltung der Wohnstraße durch eine Gemeinschaft von Anwohnenden), Straßenfeste (Bristol / Toy 2012)

 

Ergebnisse

 

Geschwindigkeitsänderungen

Geschwindigkeitsänderungen

 

Durchschnittsgeschwindigkeiten:

Auf 65 Prozent der Straßen in den Versuchsbereichen wurde eine Senkung der Durchschnittsgeschwindigkeiten erreicht. Am tiefsten sanken die durchschnittlichen Geschwindigkeiten tagsüber, zwischen 7 Uhr morgens und 7 Uhr abends, wenn auch die meisten Menschen unterwegs sind.

Im Mittel aller Straßen des Versuchs betrug die Durchschnittgeschwindigkeit dann 23 mph (37 m/h) oder weniger.

Die größten war die Reduktion auf der Greville Road, mit – 5,3 mph (- 8,6 km/h).

Durchschnittsgeschwindigkeiten für….

alle Straßen in Inner South Bristol: – 1,4 mph (2,3 km/h),
alle Straßen in Inner East Bristol:   – 0,9 mph (1,4 km/h),
alle Hauptstraßen:                           – 1,8 mph (2,9 km/h).

Wo jeweils die mobilen blinkenden 20-Schilder zusätzlich aufgestellt wurden, sanken die Geschwindigkeiten weiter, mit einem weiteren Minus von 2,2 bzw 2,5 Meilen pro Stunde. (Bristol 2012).

 

Spitzengeschwindigkeiten

Auf 50% der Straßen des Pilotversuchs sanken die Spitzengeschwindigkeiten (Bristol 2012)

 

Verkehrsverhalten

Verkehrsverhalten

 

Es gab eine Zunahme des Zu-Fuß-Gehens um 10% bis zu 36%, je nachdem welcher der zwei beteiligten Bezirke betrachtet wurde, um welche Wochentage es sich handelte und ob es regnete.

In der Umfrage vor Beginn des Pilotversuchs gab eine sehr hohe Prozentzahl von Befragten an, an den meisten Tagen zu Fuß in ihrem Viertel unterwegs zu sein (87% bzw 80%). Im Süden der Innenstadt sank diese Zahl um 12% auf 75%, während 8% mehr jetzt angaben, jede Woche zu laufen. Auch im Osten der Innenstadt stieg die Zahl derer, die jetzt jede Woche zu Fuß gehen, um 5% auf dann 85%.

Der Fahrradverkehr nahm zwischen 45 und 37% zu, mit Abweichungen je nach Bezirk, Wochentag und an Regentagen. Die Zahl derjenigen, die sagten, dass sie niemals radeln würden, blieb aber relativ konstant, bei 66% bzw 60%. Die Zunahme hängt daher vermutlich damit zusammen, dass jetzt auch Menschen in den untersuchten Bezirken radeln, die keine direkt Anwohnenden sind. Möglicherweise fahren diejenigen, die auch vorher schon geradelt sind, dank des 20-Meilen-Limits noch häufiger. (Bristol 2012)

Sicherheit

Sicherheit

 

Unfälle mit Beteiligung von Radfahrenden nahmen in den ersten 6 Monaten um 40% ab. (Bristol Cycling Cities 2011)

 

Subjektive Sicherheit

 

Sicherheit auf den Hauptstraßen

35% der Anwohnenden hielten die Haupstraßen nach der Einführung von 20 Meilen als sicherer. (Beschlussvorlage 2012)

Sicherheit für Zu-Fuß-Gehende

Vor der Einführung des 20-Meilen-Limits hielten 23% (Inner South) bzw 35% (Inner East) das Überqueren der Straßen im Viertel für (sehr) gefährlich. Nach der Einführung waren es 20% bzw 37%.

Sicherheit bei Kinderspielen auf der Straße

Vorher hielten 41% (Inner South) bzw 63% (Inner East) es für gefährlich, wenn Kinder unbeaufsichtigt auf der Straße spielen. Nachher waren es 70% bzw 61%.

Sicherheit für den Fahrradverkehr

Vorher hielten 25% (Inner South) bzw 36% (Inner East) das Fahrradfahren in den Vierteln für gefährlich. Nachher waren es 20% bzw 32%.

Offen blieb, inwieweit die ausführlichen Diskussionen in der Einführungsphase die späteren kritischen Beurteilungen beeinflussten. Die gestiegenen Zahlen im Fahrradverkehr und die breite Zustimmung für Tempo-20-Meilen-Zonen insgesamt stehen der Kritik eher entgegen, was insgesamt darauf hinweisen könnte. (Bristol 2012, S.12)

 

 
Lärm

Lärm

 

Die Ergebnisse von Lärmmessungen ergaben nur kleine Reduktionen des Dauerschallpegels von bis ca – 0,5 dB(A).

Die Wahrnehmung der Anwohnenden von der Lärmsituation in ihrer Umgebung änderte sich dagegen viel deutlicher. Das zeigte sich dadurch, dass 50% (bzw 34%) angaben, dass es ziemlich gut/leise sei, gegenüber nur 34% (26%) vor der Einführung von 20 mph. Die Prozentzahl derjenigen, die die Lärmsituation als schlecht/lärmend empfanden, hatte vorher bei 37% (bzw 48%) gelegen, nachher waren es nur noch bei 29% (bzw 42%).
Akzeptanz

 Akzeptanz

Zustimmung für 20mph in den Gebieten des Pilotversuchs Bis zu 82%
Zustimmung für 20mph auf der eigenen Wohnstraße Bis zu 92%
Zustimmung für Tempo 20 Meilen auf allen Wohnstraßen: Bis zu 89%
Zustimmung für Tempo 20 Meilen-Zonen in allen Wohngebieten der Stadt: Bis zu 70%
Zustimmung für Tempo 20 Meilen auf den Hauptstraßen Bis zu 59%;
Zustimmung zur Aussage, dass 20 Meilen eine gute Idee sind, aber besser kontrolliert werden sollten: Bis zu 76%
Zustimmung zur Aussage: Zu-schnell-Fahren auf Wohnstraßen ist immer anti-sozial Bis zu 86%
Zustimmung zur Aussage: 20mph sollte nur vor Schulen eingeführt werden Bis zu 30%
(Bristol 2012)

 

 

Methodik

 
Wissenschaftliche Begleituntersuchungen

Wissenschaftliche Begleituntersuchungen

 

Vorher- und Nachher-Untersuchungen zu dem Pilotversuch:

  • Vorher- und Nachher-Befragungen von Anwohner-Haushalten. Dabei wurde Wert darauf gelegt, beide Male die selben Haushalte zu befragen.
  • Vorher-Nachher-Zählungen und Messungen (Geschwindigkeiten, Fahrzeiten; Unfallzahlen, Zahlen der Entwicklung des Gehens und Fahrradfahrens; Lärm, Luftqualität, Befragungen) 2010/2011

Begleitende Analysen während des Pilotversuchs: Analysen von direkter Kommunikation zwischen Anwohnenden und Projektverantwortlichen sowie Leserbriefen während des Pilotversuchs;

 

Hier verwendete Literatur

Hier verwendete Literatur

 

Bristol 2012

Bristol City Council: 20mph speed limits pilote areas, Monitoring report, March 2012

Bristol Cycling Cities 2011

Greater Bristol Cycling Cities: End of Project Report, 2011

Bristol / Toy 2012

Toy, S./Bristol Social Marketing Centre – University of West England: Delivering soft measures to support signs only 20 mph limits, Bristol 2012

Die Kampagne “Trendsetter für 30 km/h” wird unterstützt von der Dr. Joachim und Hanna Schmidt-Stiftung.

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