“Man muss sich auch nach den Senioren richten!” – Professorin Maria Limbourg wird Botschafterin für 30 km/h

am 22. April 2013

Wann immer man in der Fachliteratur über Tempo 30 und Verkehrssicherheit nachliest, stößt man auf Veröffentlichungen von Prof. Dr. Maria Limbourg. Die Kinderpsychologin und Mobilitätsforscherin der Unis Tübingen und Duisburg-Essen hat die Forschung im Bereich Verkehrserziehung, „Kinder und Verkehr“ sowie „Senioren und Verkehr“ maßgeblich geprägt. Sie ist nun ebenfalls unsere Botschafterin für Tempo 30. Dass sie uns im Gespräch erläutert hat, warum sie unsere Initiative ausdrücklich unterstützt, freut uns sehr.

 

Warum unterstützen Sie die Forderung nach Tempo 30 in der ganzen Stadt?

Es sind hauptsächlich zwei Gründe:
Zum ersten geht es um die Sicherheitserwägungen, wobei ich einerseits an die Sicherheit der Kinder denke, und andererseits an die Senioren, die übrigens nicht nur als Fußgänger sondern verstärkt auch als Autofahrer  unterwegs sind.

Zum zweiten sollte der Schilderwald in den Städten abgebaut werden. Es ist ja eine Tatsache, dass immer mehr Tempo 30-Zonen eingeführt werden und einen immer größeren Anteil am Straßennetz ausmachen. Das ewige „Rein in die Zone – Raus aus der Zone“ –, ist einfach verwirrend. Viel besser ist es daher, die Tempo 30 gleich zur Regel zu erklären und die sinnvollen Ausnahmen davon zu definieren und zu beschildern. Damit kann der Schilderwald in den Städten und Dörfern effizient gelichtet werden. Wenn man dann eine Tempo-50-Zone übersieht und weiter mit 30 km/h fährt, ist das nicht so schlimm. (Wenn das überhaupt passiert…..).

 

Viele Kritiker, wie zum Beispiel der ADAC, sagen aber, Tempo 30 in Wohngebieten plus Zonen vor Schulen reicht aus.

Es geht aber nicht nur um die Kinder oder den Schulbereich.
Es geht zum Beispiel auch um die Senioren. Die Forschungen zeigen, dass Senioren sich ähnlich verhalten wie Kinder und mit Tempo 30 viel besser zurecht kommen als mit Tempo 50. Auch sie sind überfordert, gefährliche Verkehrssituationen sofort richtig einzuschätzen. Sie reagieren langsamer und als Fußgänger oder Radfahrer haben sie bei schnell heranfahrenden Autos nicht die körperlichen Möglichkeiten, mal eben noch einen Spurt hinzulegen.
Schulzonen als Tempo 30-Zonen zu definieren reicht nicht aus. Senioren sind überall und zu allen Tageszeiten unterwegs. Sie wollen vielleicht auch mal essen gehen, sie sind nachmittags und abends unterwegs, im Kino oder Theater  – natürlich! Danach muss man sich richten.
Und selbstverständlich sind ältere Verkehrsteilnehmer auch Autofahrer. Weil sie nicht mehr so schnell reagieren können, kommen sie deshalb als Autofahrer mit Tempo 30 wesentlich besser als mit Tempo 50 zurecht. Sie haben mehr Zeit, sich richtig einzuordnen, die Verkehrszeichen wahrzunehmen, Schilder zu erkennen usw. Sicherheitsrisiken werden deutlich geringer , wenn in den Orten für alle Tempo 30 gilt.
Ich verstehe da auch den ADAC nicht. Er ist doch sicher daran interessiert, dass die Leute, wenn sie im Durchschnitt immer älter werden, ihre Führerscheine ebenfalls länger behalten können. Unter den Senioren sind wahrscheinlich nicht gerade wenige ADAC-Mitglieder. Also sollte man sich eher für seniorengerechte Verkehrsverhältnisse einsetzen als auf schnellem Fahren in der Stadt zu beharren.

 

Warum befürworten Sie, dass man bei Tempo 30 in europäische Dimension handeln muss?

Den demografischen Wandel gibt es ja nicht nur in Deutschland sondern überall in Europa!

Außerdem sind so viele Leute auch als Touristen in Europa unterwegs – man kann sich einfach besser orientieren und eingewöhnen, wenn die Basisregeln einheitlich sind. Kleinstädterei macht da keinen Sinn.

Übrigens gab es früher Tempo 70 als Standard, und man hat auch gedacht, Tempo 50 würde niemals funktionieren…… Dann wurde es in den 50-Jahren eingeführt und die Menschen haben sich daran gewöhnt.

 

Wie sind Sie eigentlich auf das Thema „Tempo 30 für Städte und Dörfer“ gekommen?

Das war ein Zufall, denn ich bin eigentlich Kinderpsychologin.
Anfang der 70er-Jahre gab es enorm viele Kinderunfälle, ohne dass man verstand, woran das lag. Und die Experten, die das untersuchten, waren meistens Verkehrspsychologen, die sich mit Kinderpsychologie nicht besonders gut auskannten. Einer meiner Kollegen kam damals auf mich zu – ich arbeitete an der Universität Tübingen – und bat mich, in ihr Team zu kommen. „Ich verstehe aber nichts von Verkehr“ sagte ich ihm. – „Das ist egal“, sagte er, wir brauchen jemanden, der was von Kindern versteht“. So kam ich auf Tempo 30, denn die hohe Geschwindigkeit des Verkehrs erwies sich als eine der  Hauptursachen für tödliche Kinderunfälle.

Ich bin dann bei dem Thema geblieben, und ich habe mich viele Jahre lang für Tempo 30 innerorts  eingesetzt. Aber die Politik hat lange kein Verständnis gezeigt. Seit kurzer Zeit habe ich allerdings das Gefühl, dass sich etwas bewegt.

Mit meinen Forschungen der letzten Jahre, in der Universität Essen, zeigte sich, dass auch Senioren sich langsamere Geschwindigkeiten wünschen. Nicht nur als Fußgänger, sondern auch wenn sie selber Auto fahren.

 

Prof. Dr. Maria Limbourg ist emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkten Mobilität und Verkehr.
Von 1972 bis 1993 arbeitete sie als Dozentin an der Universität Tübingen. 1994 erhielt sie  der einen Lehrstuhl für Erziehungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen, mit dem Schwerpunkt „Unfallvermeidung“, „Verkehrserziehung“ und „Verkehrspsychologie“.
Große internationale Forschungen mit einem Schwerpunkt in Lateinamerika gehören ebenso zu ihrer Arbeit wie auch verschiedene Lehrer-Trainingsprogramme für Verkehrserziehung.
Mehrere verkehrspädagogische Arbeiten ihrer Absolventen erhielten Verkehrssicherheitspreise

8 Kommentare

  1. Auch wenn der Verkehrsunfall, bei dem meine damals 11jährige Nichte tötlich verunglückte, schon 35 Jahre zurück liegt,könnte ich berichten, was das für immense Folgen für meine Familie bedeutet und immer noch hat.Damals kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Kind mit Fahrrad und Auto mit bayrischem gerade pensioniertem Polizisten. Meine Nichte wollte die ihr Heimatdorf durchschneidende Bundesstraße, auf der Tempo 70 erlaubt ist, überqueren, glaubte nach Berichten ihrer kleineren Schwester- die den Unfall miterlebte!- Blickkontakt mit dem Fahrer des Unglücksauto aufgenommen zu haben, sodaß er anhalten oder langsamer fahren wollte, was allerdings nicht stimmte. Meine Nichte erlitt einen tötlichen Schädelbasisbruch und starb in den Armen ihres Vaters, der als Rettungssanitäter bei einer großen Firma arbeitete. Niemand kann einen über den unsinnigen Verlust eines geliebten Kindes hinweg trösten. Mir selber und meiner Familie geht es immer noch sehr nahe, weil meine Töchter und die meines Bruders gleich alt sind. Auch hier in Coburg durchquert eine Bundesstraße die Stadt, auf der Tempo 70 gefahren wird. Was das allein an Lärmbelästigung für die Anwohner bedeutet, erfahre ich fast täglich, wenn ich gezwungen bin, an dieser Straße entlang zu laufen. Daß Lärm krank macht, ist ja schon lange bewiesen. Und das sollte auch ein Argument für Tempo 30 in der Stadt sein. Danke für diese sinnvolle Initiative, die hoffentlich irgendwann Erfolg hat.

  2. Hallo Zusammen,
    es geht nicht darum das Senioren 30 oder 50 fahren können, sondern um den Ausschluss einer Gefährdung. Ein Fahrzeug mit 50 km/h legt ca. 15 m/sec zurück. Bei 30 km/h sind es nur 9 m/sec. Oft sind Senioren nicht mehr so schnell, und benötigen mehr Zeit für ihre Handlungen. Der Vertrauensgrundsatz, der sich vom Paragraphen 1 der StVO ableitet besagt zwar, dass man sich auf das richtige Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer verlassen kann, schließt jedoch einge Personengruppen aus! Dazu gehören natürlich Kinder, ältere Personen, Behinderte und Personen die sich eindeutig in einem Rauschzustand befinden.
    Rein theoretisch ist jede Geschwindigkeitvorschrift unnötig. Wir haben die “selbsterklärende Strasse”. Das heißt, wir müssen unsere Geschwindigkeit eh immer anpassen.
    Aber eines sollte Jedem bewusst sein. Bei 30 km/h steht das Fahrzeug inkl. Reaktion und Bremsweg nach 12-13 Metern. Das Fahrzeug mit 50 km/h hat auch nach 16 Metern keine Geschwindigkeit abgebaut.

  3. Kurz vor der Rente stelle ich schon fest, dass ich
    – schlechter höre, also beim Radeln Autos, die von hinten kommen, nicht mehr so genau orten kann
    – schlechter sehe, also wegen der Brille den Kopf weiter drehen muss
    – nicht mehr so gut sprinten kann
    – und beim Autofahren länger brauche, um eine Verkehrssituation zu überblicken
    Ich halte mich nicht für fahruntüchtig, aber ein langsamerer Verkehrsfluss macht für mich das Unterwegs-sein, egal ob zu Fuß, mit Fahrrad oder Auto doch sehr viel stressfreier.

  4. Das Argument mit den Senioren und dem Führerschein ist nicht nachvollziehbar. Wer ein Fahrzeug mit 50 km/h nicht mehr im Griff hat, der hat es auch mit 30 km/h nicht im Griff.

    Was kommt denn nach der Forderung von 30 km/h? Kommt dann 10 km/h?

    Die häufigste Ursache für Unfälle ist übrigens nicht Geschwindigkeit alleine, sondern Alkohol am Steuer, nicht Mitdenken, …

    Was zur Verkehrssicherheit viel mehr beitragen würde, wäre eine regelmässige Überprüfung der Tauglichkeit um als Autofahrer am Verkehr teilnehmen zu können und ein absolutes Alkoholverbot auch unter 3.5 Tonnen.

    Alkoholverbot hört man von den Grünen übrigens sehr sehr selten, denn saufen tun scheinbar alle Fraktionen gerne…

    • Im neuen globalen Bericht zur Verkehrssicherheit nennt die WHO als Hauptursachen für Unfälle mit Autos: a) Geschwindigkeit, b) Trunkenheit am Steuer und c) die fehlende Nutzung von Sicherheitsmaßnahmen (wie Helm tragen, Sicherheitsgurt schließen, Kinder besonders sichern). Nur in einem der drei Bereiche die Gesetze zu verbessern, reicht bei weitem nicht aus. Und die WHO weist auch darauf hin, dass die Gesetze gegen alkholisiertes Fahren viel weiter fortgeschritten sind als gegen unangepasste Geschwindigkeiten. Hier gibt es also Nachholbedarf.

      Zu dem Argument, dass jemand, der sein Fahrzeug mit Tempo 50 nicht im Griff hat, das auch bei Tempo 30 nicht schafft: Zwischen den beiden Geschwindigkeiten bestehen entscheidende Unterschiede. Denn bei Tempo 50 ist der Anhalteweg eines Fahrzeugs mehr als doppelt so lange. Dabei ist die Schrecksekunde, die jeder Mensch hat, für einen Teil des Bremsweges verantwortlich. Bei Tempo 50 bedeutet eine Schrecksekunde, dass das Fahrzeug 14 Meter ungebremst mit 50 km/h fährt, ehe es anfängt zu bremsen. Bei Tempo 30 sind das 8,3 Meter mit 30 km/h.
      Genau diese Schrecksekunde verlängert sich mit zunehmendem Alter. Eine um nur 0,5 Sekunden längere Reaktionszeit bedeutet schon, dass ein Auto 21 Meter weit mit 50 fährt, ehe es überhaupt beginnt zu bremsen. Bei Tempo 30 sind es 12 Meter mit 30 km/h. Dieser Unterschied entscheidet über viele Leben! Es ist richtig, dass bei Tempo 10 der Anhalteweg noch kürzer wird: Deshalb gibt es ja auch Spielstraßen, und andere Straßen mit besonders viel Fußgängerverkehr sind auch oft mit Tempo 10 beschildert.

    • Hallo, Herr Paumann, ich glaube nicht, dass die 97 % der überdurchschnittlich guten Autofahrer so viel sicherer sind als die 3% unterdurchschnittlich guter Autofahrer. Mit Vorsicht und angemessener Geschwindigkeit meine ich, dass ich keine überdurchschnittliche Gefahr darstelle. Ich fürchte mich aber vor denen, die meinen, sie wären so gut, dass sie die eine oder andere Verkehrsregel ignorieren können.

  5. Man sollte auf jedenfall Rücksicht auf Senioren nehmen, wobei ich denke das man als Senior noch sehr gut mit 50 km/h klar kommt, und wenn nicht sollte man das Auto vielleicht einfach sein lassen.

    • Ich glaube nicht, dass ich eine gute Autofahrerin bin, mir liegt auch nichts daran, mit 50 oder 30 durch die Stadt zu fahren. Aber ich bin ja viel zu Fuß unterwegs, da ist es ein großer Unterschied, ob ich genug Zeit habe, um über die Straße zu kommen. Wohlgemerkt, ich bin nicht gehbehindert, aber ich mag auch nicht rennen müssen.

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